Ich möchte versuchen, meine Perspektive anhand eines pfadfinderischen Bildes zu erklären – weil ich hoffe, dass es hilft, zu verstehen, worum es mir eigentlich geht.
Bevor ich loslege, noch ein Gedanke zum Forum: Es ist als Ort zum Mitreden gedacht. Aber Mitreden bringt wenig, wenn daraus keine Diskussion entsteht – und erst recht nichts, wenn keine Verarbeitung folgt. Wenn Beiträge einfach versanden, statt ernsthaft aufgenommen zu werden, dann wird Partizipation zur Fassade. Das ist nicht nur frustrierend, sondern trägt dazu bei, dass immer weniger Menschen sich einbringen.
Stell dir vor, du bist auf Großfahrt. Die Route wurde grob gemeinsam geplant – aber unterwegs beginnt ein kleiner Kreis um die Stammesführung, neue Wege zu bestimmen. Sie sind sich einig, ziehen an einem Strang, sind schnell und effizient und entscheiden jetzt mehr Wert auf Kultur und Museen sowie Städtebesuche zu legen. Das Problem: Sie fragen nicht mehr, ob alle anderen noch mitkommen. Ob jemand andere Ziele hat oder andere Schwerpunkte setzen möchte. Oder ob jemand auf dem Weg stolpert.
Und ich weiß, wie es oft läuft: Viele von euch denken jetzt vielleicht, dass ich übertreibe. Dass das alles nicht so schlimm ist, dass es noch keine echte Gefahr gibt. Aber genau das zeigt, warum diese Situation so problematisch ist. In der Großfahrt-Analogie wird der Abstand zwischen denen, die die Route bestimmen, und denen, die sich weiterhin auf die gemeinsame Fahrt verlassen, immer größer. Und das passiert nicht, weil es ein Ausnahmefall ist, sondern weil wir es übersehen, wenn wir nicht mehr darauf achten.
Das Entscheidende ist: Sie meinen es nicht böse. Sie sind einfach so sehr in ihrer gemeinsamen Logik unterwegs, dass ihnen gar nicht auffällt, wie sich die Gruppe immer weiter auseinanderzieht. Kritik wird schnell als Bremsklotz empfunden – als Störung. Und statt zu fragen, warum jemand Bedenken hat, wird das einfach ignoriert. Man nennt das Diskursmüdigkeit – ich nenne es eine verpasste Chance.
Natürlich fühlt sich das für die Basis nicht gut an. Sie erleben, wie Entscheidungen getroffen werden, die ihren Alltag verändern, ohne dass sie wirklich Teil des Prozesses sind. Wenn sie dann nachfragen oder Kritik äußern, bekommen sie keine echte Auseinandersetzung, sondern Rechtfertigung oder Schweigen. Nicht, weil alle böswillig sind, sondern weil sich der Blick von oben nach unten verändert hat. Man sucht keine kritischen Stimmen mehr – sie stören nur den Fortschritt.
Dabei könnte genau das die Stärke unseres Verbands sein: die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven zuzulassen, Vielfalt auszuhalten und Prozesse so zu gestalten, dass sich alle einbezogen fühlen. Auch, wenn sie nicht in einem Gremium sitzen. Gerade dann.
Was ich mir wünsche, ist ein Umdenken. Kein radikaler Kurswechsel, sondern ein Perspektivwechsel. Dass Delegierte sich wieder als Brücke sehen – nicht als Spitze einer Bewegung, sondern als Bindeglied zwischen Basis und Verband. Und genauso die Landesverbände sich als Bindeglied zwischen der Basis und dem Bund verstehen. Dass Verantwortung auf Landes- und Bundesebene nicht nur als Steuerung, sondern als Dienst an der Vielfalt unserer Mitglieder verstanden wird.
Denn nur dann können wir als Bewegung glaubwürdig bleiben und die Menschen mitnehmen, die sich gerade fragen, ob sie diese Route noch mitgehen wollen. Ich bin sicher, dass hier aus jedem Landesverband mindestens eine Person mitliest. Das dürfte doch reichen, um die Botschaft weiterzutragen.